16. Februar

So, jetzt kann ich die Tage, die mir hier in Island noch bleiben also schon an zwei Händen abzählen. Ich kann es fast nicht glauben. Zu gut erinnere ich mich noch an die Zeit, wo dieses Abenteuer noch in ungewisser Zukunft lag und schwups, schon ist es beinahe wieder Zeit zu gehen.

Heute ist das Wetter wieder ganz besonders stürmisch, auf dem Nachhauseweg musste ich meine Kaputze tief ins Gesicht ziehen um nicht den dicken Schneeflocken, die schon fast zu kleinen Hagelkörnern gefroren waren, ausgesetzt zu sein. Verständlich, dass die Isländer schlecht auf ihre Autos verzichten können. Am liebsten mögen sie die ganz grossen, die mit mörderisch grossen Rädern. Bei manchen bräuchte ich wahrscheinlich sogar eine Leiter, um einsteigen zu können. Nein wirklich, die Isländer und ihre Auto, das ist eine Liebesgeschichte für sich. Es kam sogar schon vor, dass mein Arbeitskollege zwei Stunden zu spät zur Arbeit kam, weil sein Auto kaputt war und er auf eine Mitfahrgelegenheit wartete. Zu Fuss zur Arbeit gehen? Nein, das geht gar nicht. Und mit dem Bus erst recht nicht. Auch nicht wenn man nur 5 Minuten von der Busstation entfernt wohnt, von der ich täglich 5 weitere Minuten zur Arbeit gehe.

Aber das ist eine andere Geschichte. Eigentlich wollte ich ja von unserem Trip nach Myvatn erzählen. Kurz vor meiner Abreise habe ich es also endlich noch geschafft den Norden Islands zu sehen. Und…ich bin einfach nur begeistert. Wir hatten diesen Trip eigentlich schon für letztes Wochenende geplant, wie das aber hier in Island so ist; manchmal entscheidet das Wetter und nicht die Menschen. Es war nicht möglich, oder es wäre unverantwortungsvoll gewesen zu gehen. Und tatsächlich, wir taten gut daran, die Strasse nach Akureyri (Haupstadt des Nordens) wurde letztes Wochenende wegen des Sturms teilweise von Wasser überschwemmt. Dieses Wochenende aber war gutes Wetter angesagt und letzten Freitag um drei nach der Arbeit fuhren wir zu fünft im Auto eines Freundes Richtung Norden los. Die Fahrt nach Akureyri dauert um die fünf Stunden. Glücklicherweise haben wir für beide Nächte einen Couchsurfer gefunden, bei dem wir am Freitagabend müde auf die vorbereiteten Matrazen fielen. Am Samstagmorgen fuhren wir vor Sonnenaufgang los, was aber zugegebenerweise noch immer nicht sonderlich bemerkenswert ist. Die Sonne geht diese Tage etwa viertel nach 9 auf. Dieser Tag war voller Schönheit. Wasserfälle, Trolle aus Lavastein, Höhlen, aus denen heisser Dampf aufsteigt, hellblaue Seen, von Schwefel gelb gefärbter Boden, tiefblaue Tümpel, die blubbern, braunrote Hügel, schneebedeckte Berge, Eis, Sonne und Wind. Ja, der Wind. Den habe ich glaube ich erst hier in Island so richtig kennengelernt. Den höchsten Wasserfall Europas haben wir dann aber leider nicht sehen können, der Wind war einfach zu stark. Wir hatten uns fast nicht mehr forbewegen können, es wurde schon bald dunkel und die Wanderung dahin hätte auch ohne Wind etwa eine Stunde gedauert. Ich werde noch so viele Male nach Island zurückkommen können und immer wieder Neues entdecken. Auf dem Nachhauseweg am Sonntag hatten wir noch ein kleines Autoproblemabenteuer. Plötzlich konnten wir das eine automatische Fenster nicht mehr zu tun. Ein Bauer hat uns dann geholfen mit Klebeband und einem Kerichtsack ein provisorisches Fenster zu basteln. Der Besitzer des Autos hat aber glücklicherweise überall Freunde. Er kennt einen Automechaniker, der gar nicht all zu weit weg wohnt, den wir aufsuchen und erfolgreich um Hilfe bitten konnten. Das ist auch so etwas. Isländer sind sehr hilfsbereit. Vorallem auf dem Land. Denn da ist es schwierig wegzuschauen und zu hoffen, dass es dann schon jemand anderes sieht, um zu helfen. Meistens sind da einfach nicht viele andere.

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1. Februar

Heute schreibe ich also schon den ersten Tag des Monats, der mein letzter hier sein wird. Immer näher kommt der Abschied und ich versuche langsam meine Zelte hier abzubrechen, denn ich will mir Zeit nehmen, um alles gut zu beenden. Grad gestern habe ich mir mal meine Agenda angeschaut und realisiert, dass ich richtig planen müsste, um alles noch machen zu können, was ich vorhatte. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es keine gute Idee ist nach einer Liste zu leben und nur noch das Ziel zu haben, diese abzuarbeiten. Ich will genau wie zuvor im Moment leben und vorzu spüren, wie ich meine Zeit verbringen will. Denn genau das ist unter anderem etwas, was mir an meinem Leben hier so gefällt. Ich habe nie so sehr im Hier und Jetzt gelebt wie hier. Alles ist neu und aufregend. Es bieten sich dir so viele neue Möglichkeiten, weil du offen für sie bist. Du weisst, dass du jede Chance packen kannst, weil deine Zeit ist begrenzt. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie. Und im allerschlimmsten Fall, wenn es so richtig in die Hose geht, dann hast du`s wenigstens versucht. Ich will diese Einstellung mitnehmen, denn nicht nur die Zeit hier, allgemein die Zeit auf dieser Erde in diesem Leben ist begrenzt und es lohnt sich zu versuchen, das Beste aus ihr zu machen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich weggegangen bin. Ich spüre, dass es mich immer wieder wegziehen wird. Das ist eine meiner persönlichen Möglichkeiten meine Zeit für mich stimmig zu nutzen. Es gibt Menschen, die ganz genau wissen, was sie im Leben wollen, die ein klares Ziel vor Augen haben. Für mich gilt: Mein Weg ist mein Ziel. Das ganze Leben ist eine Reise. Und ich bin gespannt auf jeden weiteren Schritt.

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9. Januar

So, es ist getan, mein Rückflug ist gebucht. Das fühlt sich super komisch an. Bis jetzt lag mein Abschied noch in mehr oder weniger ungewisser Zukunft, jetzt hat er ein konkretes Datum. Ich weiss, meine Zeit hier ist noch nicht ganz um, trotzdem beginne ich mich innerlich schon etwas auf den Abschied vorzubereiten. Ich bin noch nicht bereit Island zu verlassen. Das heisst, ich werde Island nie ganz verlassen. Ein Stückchen von mir wird für immer hier bleiben. Und ein noch viel grösseres neues Stück, das für immer ein Teil von mir sein wird, ist mir hier geschenkt worden.

Nach den Ferien mit schönem Weihnachtsbesuch und intensievem Arbeiten an einem eigenen Projekt in der Filmschule hat jetzt wieder die Arbeit begonnen. Bei meinem eigenen Projekt handelt es sich um ein Musikvideo mit einem eigenen Pianostück, Tanz und Aufnahmen von Maria (die mir eine enge Freundin geworden ist) und mir. Ich habe mich glücklicherweise noch um Kritik von einer Filmemacherin an der Filmschule bemüht, was mich dazu inspiriert hat, noch mehr Zeit und Arbeit darin zu investieren, um ihn zu professionieren.

Maria ist jetzt gerade daran ihr Zimmer auszuräumen, denn schon diesen Sonntag kommt ein neuer Volunteer an ihrer Stelle in ihr Projekt. Für dieses Wochenende hat sie sich einen Trip nach Snaefellsness gewünscht. Es sind jetzt etwa zwei Monate her seid ich da war. Ich bin gespannt, wie es jetzt mit Schnee sein wird. Übrigens liebe ich den isländischen Winter. Ich kann mich gut erinnern, wie ich mir vorgestellt habe, wie mir dieser tiefe Winter zu schaffen machen und mir aufs Gemüt drücken würde. Doch jetzt da er da ist, liebe ich ihn. Mehr als den Winter in der Schweiz. Er ist bestimmter und nimmt mehr Platz ein. Er ist härter und gleichzeitig taucht er die Welt in unglaublich sanfte Farben. Die Sonnestunden sind so unglaublich kostbar und wenn die Wolken dann endlich einmal der Sonne Platz machen, will man keine Sekunde davon verschwenden. Auch wenn es lange dunkel ist und man etwas Geduld haben muss, dieser Moment, wenn die Sonne dann endlich wieder da ist, ist so unglaublich schön und erfüllend, dass man diese kleine Ewigkeit für immer festhalten möchte. Wenn man so einen Moment nie vergisst, wird er die Seele, die ihn so intensiv empfunden hat, für immer erleuchten. So ist das auch im Leben manchmal.

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